Multisensory Integration by Selective Attention to Visual and Auditory Motion
[Multisensorische Integration durch selektive Aufmerksamkeit auf visuelle und auditive Bewegung]
Eine Dissertation
präsentiert am
Fachbereich Psychologie
der Philipps-Universität Marburg
von
Anton L. Beer
Marburg/Lahn 2004
Zusammenfassung
Menschen nehmen ihre Umwelt mit mehreren Sinnen wahr. Es stellt sich deshalb die Frage in welcher Weise sensorische Signale verschiedener Modalitäten integriert werden. Bislang wurde vor allem das Reizmerkmal Raum als multisensorisches Bindungsmerkmal untersucht. Ausgehend von Forschungser-gebnissen zur multisensorischen räumlichen Verarbeitung erforschte die vorliegende Arbeit ob Menschen auch Bewegungsmerkmale wie die Bewegungsrichtung für die multisensorische Integration nutzen. Dabei wurde vor allem die Rolle von endogenen Aufmerksamkeitseinflüssen untersucht. In einer Reihe von Verhaltensstudien und Studien mit ereigniskorrelierten Potenzialen (EKP) wurden Versuchspersonen gebeten, die Bewegungs-richtung von entweder visuellen oder auditiven Bewegungsreizen zu beachten und entweder die Bewegungsgeschwindigkeit zu unterscheiden oder eine kurze Darbietungsunterbrechung zu erkennen. In allen Experimenten führte die Beachtung der Bewegungsrichtung zu unimodalen Veränderungen der Wahrnehmung. Sowohl Punktmuster als auch Töne, die sich in einer be-achteten Richtung bewegten, wurden schneller erkannt und lösten ein stärkeres EKP aus als Punktmuster bzw. Töne, die sich in einer unbeachteten Richtung bewegten. Die fronto-zentralen Potenzialverläufe der auditiven und die posteriore Verteilung der visuellen EKP-Aufmerksamkeitseffekte legen den Schluss nahe, dass selektive Aufmerksamkeit auf die Be-wegungsrichtung die Wahrnehmung auf relativ frühen modalitätsspezifischen Stufen beein-flusst. Dennoch traten die Bewegungsaufmerksamkeitseffekte erst bei späteren Latenzen (größer 150 ms) als bei intermodalen oder räumlichen Aufmerksamkeitseffekten (etwa 100 ms) auf . Dies ist konsistent mit hierarchischen Modellen der Merkmalsselektion, wonach die Selektion aufgrund von Bewegungsmerkmalen eine geringere Priorität genießt als die Selektion aufgrund der Merkmale Modalität und Raum. Des Weiteren zeigten mehrere Experimente der vorliegenden Arbeit neben unimodalen Effekten der Bewegungs-aufmerksamkeit auch kreuzmodale Effekte. Wurde die Bewegungsrichtung in einer primären Modalität beachtet, so wurden auch die Reize einer sekundären Modalität, die sich in der be-achteten Richtung bewegten, schneller erkannt und lösten ein erhöhtes EKP aus als entgegen-gesetzt bewegte Reize. Diese kreuzmodalen Bewegungsaufmerksamkeitseffekte waren jedoch nur reliabel zu beobachten, wenn auch die sekundäre Modalität aufgabenrelevant war. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Bewegungsmerkmale bei der multisensorischen Integration eine wichtige Rolle spielen, jedoch nur dann, wenn frühe Selektionsmechanismen (Modalität, Raum) nicht angewendet werden können.
Die Ergebnisse dieser Arbeit wurde veröffentlicht in:
Beer, A. L. & Röder, B. (2004). Attention to motion enhances processing of both visual and auditory stimuli: An event-related potential study [Aufmerksamkeit auf Bewegung erhöht die Verarbeitung von sowohl visuellen als auch auditiven Reizen: Eine Studie mit ereigniskorrelierten Potenzialen]. Cognitive Brain Research, 18 (2), 205-225. (siehe Veröffentlichungen)
Beer, A. L. & Röder, B. (2004). Unimodal and crossmodal effects of endogenous attention to visual and auditory motion [Unimodale und kreuzmodale Effekte von endogener Aufmerksamkeit auf visuelle und auditive Bewegung]. Cognitive, Affective, and Behavioral Neuroscience, 4 (2), 230-240. (siehe Veröffentlichungen)
Beer, A. L. & Röder, B. (2005). Attending to visual or auditory motion affects perception within and across modalities: An event-related potential study [Visuelle oder auditive Aufmerksamkeit auf Bewegung verändert die Wahrnehmung innerhalb und quer über Modalitäten: Eine Studie mit ereigniskorrelierten Potenzialen]. European Journal of Neuroscience, 21, 1116-1130.